Die Technik der antiken
Miniaturenmalerei

Marisa Schmitt-Viassone beschreibt ihre Technik selbst

Die Techniken der Miniaturmalerei sind sehr verschieden. Jeder Maler hat immer versucht einen eignen Stil und eine entsprechende Technik dafür zu finden. Ich habe von Lionello Lascialfari in Florenz (Rifredi) diesen Ablauf gelernt und vertieft:

Die Miniatur wird auf Elfenbeinplättchen gemalt. Hierzu werden spezielle Wasserfarben verwendet. Früher haben die Maler ihre Farben selbst gemischt. Im letzten Jahrhundert gab es bereits fertig gemischte Farben. Die Firma „WINDSOR & NEWTON“ aus England mischte ihren Farben Honig, Zucker und Ei bei.

Bevor das Elfenbeinplättchen bemalt werden kann, muss es erst präpariert werden. Es wird mit feinem Schmirgelpapier aufgeraut, damit die Farben besser haften. Damit auf das Elfenbeinplättchen keine Fingerabdrücke oder Fettflecken kommen, wird danach das Plättchen auf ein Stück weißes Papier geklebt. So kann man das Objekt besser anfassen. Bevor das Elfenbein gemalt wird, muss von einem Originalbild eine entsprechende Kopie in Miniatur angefertigt werden. Dies erreicht man, indem man das Original mit einem Raster versieht. Das Raster wird auf Folie aufgezeichnet und über das Original gelegt. Um eine Miniatur zu erhalten, wird von dem Elfenbeinplättchen der Umriss auf ein Papier abgezeichnet. Auf diesem Papier ist dann ebenfalls ein Raster einzuzeichnen. Dieses Raster entspricht, diesmal allerdings verkleinert, z.B. statt cm in mm dem Original. Auf dieses Papier erfolgt mit Bleistift die Übertragung des Originals. Jetzt wird diese Vorzeichnung mit einem feinen Pinsel (Nr. 0-1) und blaues Miniaturfarbe auf Folie nachgezeichnet. Auf Italienisch nennt man diese Folienzeichnung: „Lucido“.

Nachdem nun ein „Lucido“ erstellt wurde, kann mittels eines speziellen Pauspapiers die Zeichnung auf das Elfenbein übertragen werden. Zuerst wird das Lucido auf dem Plättchen ausgerichtet und zentriert. Danach mit 3 Klebepunkten auf dem Untergrund fixiert. Jetzt kann man das Pauspapier dazwischen schieben und mittels einer stumpfen Nadel die Konturen nachziehen.

Durch das Pauspapier erfolgt nun die Übertragung der Vorzeichnung auf das Elfenbein. Danach werden mit einem feinen Pinsel und den entsprechenden Farben die Konturen der Figur gemalt. Nach Fertigstellung der Konturen, wobei insbesondere der Ausdruck der Augen getroffen werden muss, beginnt man den Hintergrund zu malen. Hierzu wird meisten ein Pinsel in der Stärke 5 oder 6 verwendet.
Damit sich die verschiedenen Farbtöne des Hintergrundes mischen, wird zart durch ein Metall – oder Plastikröhrchen ein warmer Hauch über die Farben gegeben. Durch die Wärme und Feuchtigkeit des Atems können die Farben, diesmal mit einem Pinsel der Stärke 6 – 8, verwischt werden. Es entsteht somit eine Mischfarbe für den Hintergrund. Danach müssen diese Farben trocknen, bevor, ebenfalls in dieser Technik, Haut, Gesicht oder Bekleidung gemalt werden.

Erst dann kann mit der „Riunitura“ begonnen werden. Riunitura: es handelt sich hierbei um die antike Maltechnik für Miniaturen. Hierbei werden tausende Punkten und Kommas nebeneinander gesetzt und bilden hierdurch Faltenwürfe auf der Kleidung, Schatten im Gesicht etc. „Riunitura“ ist italienisch und heißt: „Die Farben zusammenbringen“. Diese Punkte und Kommas werden mit Pinsel der Größe 0-1 gesetzt. So entsteht eine perfekte Schmelzung der verschiedenen Farbtöne.

Materialien für die Fertigung einer Miniatur - feine Pinsel, Elfenbeinplättchen, Lucidofolie, Metallröhrchen, Aquarellfarben, Mischpalette, Holzstück als Handstütze
Oben links: Rastervorzeichnung, oben Mitte: Lucidofolie mit einfarbigen Konturlinien, unten Mitte: erste Flächenfüllung, Augen und Haare ausgearbeitet

Die Miniaturmalerei bedarf viel Fingerspitzengefühl. Wenn z. B. ein Tropfen Wasser auf eine dunkle Farbe, ins besonders blau, braun, schwarz fällt, ist die Malerei ruiniert, weil dieser Fleck nicht mehr zu korrigieren ist. Es bleibt nur die gesamte bemalte Fläche mit dem warmen Hauch nass zu machen und die Farbe mit einem großen Pinsel abzutragen und von vorne zu beginnen.

Die Haare oder Perücke oder auch Kopfschmuck, Spangen oder Federn, werden mit der Spitze einer Nadel verfeinert. So bekommt man die Feinheit der Haare. Goldverzierungen werden zum Schluss aufgemalt. Perlen und Spitzen werden mit der Spezialfarbe „weiß-leuchtend“ aufgetragen. Hierdurch ergibt sich ein Brillianteffekt. Ordenschmuck und Verzierungen auf z.B. goldene Tressen, Litzen etc. auf Uniformen werden ebenfalls mit einer speziellen Technik aufgetragen. Hierzu wird auf die dunkle Farbe der Uniform die Kontur der Tresse mit einer Nadel entfernt. Diese Kontur wird dann z.B. mit der Farbe „Gelbchrom“, als Grundfarbe, ausgemalt. Die Schattierungen (Nuance) wird z.B. mit der Farbe Braun, Terra di Siena gebrannt oder natur, nachgearbeitet. Der Glanz der Tressen etc. wird erreicht durch das Auftragen von „weiß oder gelb leuchtend“ zum Schluss.

Licht- und Schatteneffekte bei glänzenden Stoffen, oder der Glanz der Augen, Rüschenhemden erreicht man ebenfalls durch die Verwendung von „weiß leuchtend“. Einen goldener Hintergrund erreicht man, wenn man zuerst die Farbe „gelbchrom“ der man etwas Eigelb und Honig beigemischt hat, als Grundfarbe, mit vielen kleinen Punkten aufträgt. Dies ergibt einen schönen Schutz. Darüber wird dann echtes Gold „oro zecchino“ aufgetragen. Hierfür wird das „echte Gold“ auf einer speziellen „Muschel“ mit Wasser gemischt.

Statt „leuchtend weiß“ werden auf Gold für Schattierungen, etc. die Farben Braun, Terra di Siena gebrannt oder natur, verwendet. Für Falten von Mäntel oder Kleidern, wird zuerst die Grundfarbe aufgetragen, durch den feuchten Atem verteilt und nach dem Trocknen, mit viel Geduld und eine Unmenge an Punkten und Kommas, die Faltenwurfe geformt. Durch die Verwendung von hellen und dunkleren Farbtönen entstehen Licht und Schatten.

Auch für die Haut des Gesichts, des Dekolleté und Arme gilt die gleiche Technik.

Wie in der ganzen Miniaturmalerei gilt auch hier: Ruhige Hände, viele Punkte und Kommata … und ganz viel Geduld!

Als Hilfsmittel für eine ruhige Hand benutzt man eine kleine Stütze aus Holz, wo diese abgelegt wird. Wie bei den „großen Malern“, werden die Farben auf einer Palette gemischt. Diese ist allerdings aus Elfenbein oder Imitation.

Marisa Schmitt-Viassone beim Miniaturen-Workshop im Nationalmuseum von Kolumbien in Bogotá, 2005


Das Buch zur wahren Geschichte

Die Miniaturenmalerin Lesestunde
ACHTUNG: Termin der Buchlesung VERLEGT auf Oktober 2027 !!!
Buch kaufen
Bei Amazon.com kaufen