Die Geschichte
Italien/Florenz 1955 - 1963
Marisa Schmitt-Viassone lernt 1955 in Florenz das Miniaturenmalen und macht sich mit dieser Kunstform selbständig
Marisa Viassone wächst in bescheidenen Verhältnissen in der Nachkriegszeit des zweiten Weltkrieges in Italien auf. In Florenz besucht sie die Kunstakademie und begeistert sich früh für die Miniaturenmalerei. Diese anspruchsvolle Maltechnik erlernt sie 1955 mit 17 Jahren bei einem angesehenen Meister, Lionello Lascialfari. Sie entschließt sich, nach einem Kunststudium mit dieser Kunstform ihren Lebensunterhalt verdienen zu wollen. Ihr Studium finanziert sie, indem sie Auftragsarbeiten annimmt und Miniaturkopien von Porträts anfertigt, die zu dieser Zeit sehr gefragt sind. Sie werden in Elfenbeinrahmen und in Schmuckstücke gefasst. Als Medallions, Ohrstecker oder Ringe verkaufen sie sich zahlreich auch als Touristenware. Sie malt zunächst für Maria Luisa Gechele, die einen Verkaufsstand am Vatikan in Rom betreibt. Marisa bekommt für jede Miniatur 1 US-Dollar von ihr.
Ein Inserat in einer US-amerikanischen Fachzeitschrift für Antiquitäten beschert ihr Aufträge in den USA.
Für Manuel Bustillo, einen kubanischen Kunsthändler in New York, kopiert sie überwiegend Porträts des südamerikanischen Befreiers Simón Bolívar und dessen Generäle. Dieser schickt ihr schwarz-weiß-Kopien mit der Post und schreibt ihr die zu verwendenden Farben auf. Marisa kennt die
Originalbilder nicht. Sie kopiert unter anderem antike Künstler wie José
María Espinosa Prieto, der als Hofmaler des berühmten Simón Bolívar
gilt, zudem Meucci und Legros. Auch die Unterschriften der Künstler kopiert sie, wie es ihr Auftraggeber Manuel Bustillo wünscht. Dieser lädt sie 1963 in die USA ein, um für ihn einige Monate als „Hofmalerin“ zu arbeiten. Vor Ort malt sie Fotos seiner Kunden als Miniaturen ab und weitere Kopien von Bolívar, Santander und anderen Persönlichkeiten. Von ihm bekommt sie pro Miniatur 30 US-Dollar.
Schwere Augenprobleme zwingen Marisa zum vorzeitigen Abbruch
ihres Aufenthaltes und wenig später sogar zur Aufgabe ihres Wunschberufes als Miniaturenmalerin.
Kolumbien/Bogotá 1989 - 1993
nach über 30 Jahren entdeckt MArisa Schmitt-VIassone zufällig zwei ihrer Miniaturen wieder
1989 macht Marisa Schmitt-Viassone, inzwischen verheiratet und wohnhaft in Deutschland, eine große Südamerika-Rundreise, kurz vor ihrem Heimflug besucht sie das Nationalmuseum in Bogotá/Kolumbien. Hier entdeckt sie zu ihrem Erstaunen zwei ihrer Miniaturen, die sie vor über dreißig Jahren für Manuel Bustillo gemalt hat. Darunter ist der Originalkünstler José María Espinosa Prieto als Urheber ausgewiesen.
Für Marisa beginnt der Kampf um den Nachweis ihrer Urheberschaft. Anhand ihrer Vorzeichnungen kann sie sie zwar zweifelsfrei nachweisen, findet aber im Nationalmuseum kein Gehör. Sie schickt regelmäßig Briefe mit Vorzeichnungen und Skizzen an das Museum. Alle Versuche bleiben erfolglos, ihre Briefe unbeantwortet – vier Jahre lang.
Amerika 1993 - 2002
Marisas kopien wurden jahrzehnte lang für originale gehalten und als solche gehandelt
1993 kommt endlich eine Antwort von der neuen Museumsleitung des Nationalmuseums in Bogotá, da dort ein neuer Miniaturen-Katalog geplant wird. Marisas Briefe lagen vier Jahre lang im Archiv des Museums. Die Provenienzforschung beginnt: Mit Hilfe von Elvira Cuervo Jamarillo, der neuen Direktorin und ihrer Mitarbeiterin Beatriz Gonzales kommt langsam Licht ins Dunkel.
Nach dem Bekanntwerden der beiden falschen Bolívar-Porträts des Museums werden Kunst- und Antiquitätensammler in Amerika nervös und lassen ihre Stücke auf Echtheit überprüfen. Viele von ihnen hatten ihre Miniaturen in den 1960er Jahren in einem New Yorker Auktionshaus zu sehr hohen Preisen erworben. Um ihre Werke selbst zu identifizieren fährt Marisa 2000 in die USA, 2002 nach Venezuela und erneut nach Kolumbien.
2002 bekommt Marisa den Kontakt zum Geschichtsprofessor Prof. Dr. Carlos F. Duarte, der den Nachlass eines renommierten Bolívar-Sammlers in Caracas/Venezuela bewertet hatte. Darin finden sich die Korrespondenzen, die Manuel Bustillo mit dem Sammler in den 1960er Jahren geführt hatte.
Sie decken auf: Manuel Bustillo hatte Marisas Miniaturen zu vermeintlichen Originalen modifiziert, indem er antikes Papier und alte Jahreszahlen in Sepiatinte auf den Rückseiten aufbrachte und eine entsprechende Lügengeschichte dazu erfand. Diese verkaufte er direkt oder über ein bekanntes Auktionshaus in New York zu hohen Preisen.
Von insgesamt 120 Porträts, die Marisa Viassone in gutem Glauben für ihren Auftraggeber kopiert hat, sind bis heute 11 Stück als vermeintliche Originale identifiziert worden.
Der Verbleib der übrigen 109 Miniaturen ist weiterhin unbekannt. Manuel Bustillo verstarb 1989 – im Jahr von Marisas erster Entdeckung.
Er konnte nie zur Verantwortung gezogen werden.